Von Schneeflocken und Wasser

Von Schneeflocken und Wasser

Es ist kalt in Berlin in diesen Tagen.

Es ist einsam in Teheran in diesen Tagen

Die Sonne scheint, doch sie dringt nicht durch die Kälte.

Eine einsame Schneeflocke irrt durch den Wind.

Es ist einsam in Berlin in diesen Tagen.

Es ist kalt in Teheran in diesen Tagen.


Im Wind gefangen fragt die Schneeflocke:

Hast du dich je so alleine Gefühlt wie ich?

Kennst du das Gefühl, dass niemand verstehen kann wie es dir geht?

Hattest du schon einmal Angst um deine Seele, weil ein Kind dich anlächelt und du nichts spürst. Als deine Mundwinkel nur aus Reflex nach oben schnellen bemerkst du diese tiefe Leere?

Bist du schon mal alleine durch den dunklen Nachthimmel getrieben worden, wie ich?


Wie geht es dir, haben Sie dich gefragt.

und du musstest gehen, weil du sie nicht anschreien darfst.

aber du musst schreien.

weil es keinen Sinn ergibt

weil es nicht gerecht ist

weil es grausam ist

weil alle weiterleben, als wäre nichts passiert.

was hat euch so hart gemacht, fragst du dich?


Warum schaut ihr mir nicht in die Augen?

Habt ihr Angst vor dem Schmerz den ich trage?

Habt ihr Angst vor der Tiefe des Strudels in meiner Seele?

Habt ihr Angst vor dem Gefühl einer Schneeflocke?

Ihr möchtet es ignorieren. An der Oberfläche bleiben. Eure Dinge erledigen.

Ihr möchtet nicht anhalten.

Ihr möchtet nicht innehalten.


Ihr möchtet nicht wissen, was ihr tut.


Was seid ihr?

Hannah Arendt hat einen Text geschrieben.

Sie beobachtete den Eichmann Prozess in Israel.

Sie hatte eine Frage.

Was ist dieser Mensch?

Wer ist dieser Mörder?

Wie kann er den Transport von Millionen von Menschen organisieren.

Menschen die an einem Ort versammelt werden.

Die Dort vergast werden.

Tausende. Jeden Tag.

Sie werden verbrannt und die Asche regnet über die Felder.

Und der Mann geht am Ende des Tages nach Hause und isst Abendbrot mit seiner Familie, Während die Asche noch durch den Wind getragen wird und keine Ruhe findet schläft er in seinem warmen Bett, neben seiner Frau.


Wer ist dieser Mensch, hat Hannah Arendt sich gefragt.

Ist er ein Mensch, oder eine bösartige, hassende Kreatur aus den untiefen der Seele.

Sie beobachtete ihn und sie schrieb:

"Ich bin in der Tat heute der Meinung, dass das Böse immer nur extrem ist, aber niemals radikal, es hat keine Tiefe, auch keine Dämonie. Es kann die ganze Welt verwüsten, gerade weil es wie ein Pilz an der Oberfläche weiterwuchert. Tief aber, und radikal ist immer nur das Gute.”

Böse sind die menschlichen Wesen die sich weigern Personen zu sein.

Personen handeln.

Personen sind verantwortlich.


Das Böse ist banal. Es ist oberflächlich.

Das Böse schaut zu und sagt nichts.

Das Böse sagt, es hat keine Wahl.

Das Böse möchte nicht gestört werden in seiner oberflächlichen Welt.

Das Böse möchte nicht hinschauen.

Das Böse schaut weg.

Das Böse sagt es ist neutral.

Das Böse macht weiter.

Das Böse ist normal.

Das Böse ist einfach.

Das Böse geschieht jeden Tag.

Das Böse ist nichts besonderes.

Das Böse nickt mit dem Kopf.

Das Böse macht das was alle machen.

Das Böse ist einer von vielen.

Das Böse weigert sich nicht.

Das Böse handelt nicht.

Das Böse entscheidet nicht.

Das Böse weigert sich Mensch zu werden.


Böse ist, was uns sprachlos zurück lässt.

Das Böse lässt uns nur noch eins sagen:

“Das hätte nie geschehen dürfen.”


Deshalb Fragen wir das Böse niemals, warum hast du Befehlen gehorcht,

sondern wir fragen immer, warum hast du Unterstützung geleistet.


Hannah Arendt schrieb wie es die Schneeflocke niemals formulieren konnte.

Hannah Arendt beschrieb etwas, was unbeschreibbar ist.

Im Angesicht des Bösens sind wir alle gleich sprachlos.

Mensch zu sein, heißt zu Wissen, dass wir alle gleich sind.


Wir alle sind hier zu Besuch.

Alle von uns werden Schmerz erfahren, bei unserem Besuch.

Ich glaube nicht daran, dass das was mich nicht tötet, mich härter macht.

Das was mich nicht tötet, kann mich verstummen lassen.

Deshalb muss ich auf mich aufpassen.

Und darin liegt meine Verantwortung.

Wenn es notwendig ist auf mich aufzupassen, dann ist es auch notwendig auf andere aufzupassen.

Auf die Menschen die ich liebe.

Auf die Menschen die mir begegnen.

Auf die, die mein Schicksal teilen Mensch zu sein.


Schneeflocken mögen Hannah Arendt. Sie sagte viele kluge Dinge. Zum Beispiel:

“Solange man handelt ist man frei, weil handeln und frei sein ein und dasselbe sind.”


Handeln ist Stärke.

Stärke ist sich zu entscheiden.

Stärke ist eine Person zu sein.

Stärke ist hinzuschauen.

Stärke ist sich seinem Schmerz zu stellen.

Wenn ich meinen Schmerz ignoriere, dann möchte ich auch den Schmerz der anderen nicht sehen, weil er eine Erinnerung ist, dass ich verdränge.

Und dann fange ich an wegzuschauen.

Und dann werde ich böse.

Stärke ist hinzuschauen.

Stärke ist nicht vor dem Hass einzuknicken.

Stärke ist wieder aufzustehen, um anderen die Hand zu reichen.

Stärke ist für die anderen da zu sein, die bald wieder stark sein werden, wenn ich schwach bin.


Stärke ist zu begreifen, dass ich, die Schneeflocke, im einsamen, kalten Himmel Berlins, auf die Erde hinabsinken werde.

Dort werde ich schmelzen, mit den anderen Schneeflocken die ebenfalls landen und wir werden eins.

Wir werden zu Wasser und wir sind nicht mehr alleine.

Wir sind keine Schneeflocken mehr.

Wir sind Wasser.

Wasser hat keine feste Form.

Wasser ist nicht definiert.

Wasser ist manchmal kalt und manchmal warm.

Wasser können die trinken die durstig sind.

Wasser wird zu Tee, der von Innen wärmt.

Wasser kann salzig sein, wie unsere Tränen.

Wasser nimmt die Form des Gefäßes an.

Wasser fließt weiter, wenn das Gefäß zerbricht.

Wasser verdampft.

Wasser gefriert.

Wasser geht in die Tiefe.

Danke, dass wir heute Wasser sein dürfen


Translation in English here.

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