Mut Gegner und Feind zu unterscheiden

Mut Gegner und Feind zu unterscheiden

Meinungsdiktatur. Merkeldiktatur. Meinungsfreiheit.

Man muss MIR auch mal zuhören. Das senden DIE eh nicht. Es ist mal wieder klar, dass man DAS nicht sendet. ICH habe keine Stimme. Niemand hört MIR zu.

Das wird man jawohl noch sagen dürfen.

ICH werde nicht gehört. Wir sind 80.000.000 Menschen, aber keiner hört MIR zu, hält MIR das Mikro unter die Nase, lässt MICH auch mal was sagen.

Das sind die Vorwürfe einer der lautesten Stimmen im Diskurs. Nie haben so wenige, so schnell die gesamte Agenda der Medien umgeworfen. Nie hatten so wenige, so viel Einfluß auf Debatten. Nie haben so wenige, so schnell politischen Einfluss bekommen.

Mit dem Vorwurf, man würde nicht gehört und ignoriert und mit der Drohung komplett aus dem demokratischen Diskurs aussteigen, wenn nicht jemand endlich zuhören würde.

Und es funktioniert. Wir hören zu.

Wir haben Angst vor der EU.

Wir haben Angst vor Geflüchteten.

Wir haben Angst, dass unsere Stimme nicht gehört wird.

Wir haben Angst, dass wir fremd im eigenen Land werden.

Wir haben empören uns, dass Ausländer unsere Arbeitsplätze wegnehmen.

Wir empören uns, dass Ausländer von unseren Sozialkassen leben.

Wir sind wütend über die Merkeldiktatur.

Wir sind wütend auf die Gutmenschen und Willkommensklatscher.

Wir sind zornig, denn die Islamisierung des Abendlandes kommt.

Wir sind zornig, denn Muslime bringen uns Antisemitismus.

Wir sind blind vor Hass, denn die Feinde der BRD GmbH und die Rothschild kontrollieren die Medien.

Wir sind blind vor Hass auf den Staatsfunk ARD/ZDF Staatspropaganda und die Journallie.

Wir sind blind vor Hass auf alle die anders denken.

Und wir hören zu, denn jeder Mensch ist zur Vernunft fähig und hat einen guten Grund für seine Ansichten. Wir hören zu und wir denken, jetzt kommt der Punkt wo der wahre Grund an das Licht kommt. Wir hören zu, als wären wir Therapeuten, die paternalistisch und von oben herab das wirkliche Bedürfnis hinter all den Argumenten sehen und dann verständnisvoll darauf reagieren können. Doch welche Rolle haben wir?

Müssen verständnisvoll drein blicken, wenn von der Angst gesprochen wird, die gefühlt wird, aber nicht real ist? Müssen wir die Sorgen ernst nehmen? Müssen wir uns argumentativ auf fiktive Argumente einlassen?

Nein.

Jeder Mensch ist von Geburt an, der Vernunft fähig. Deshalb darf jede und jeder wählen. Das heißt aber nicht, dass wir ansatzweise so rational sind, wie wir vorgeben zu sein und auch nicht, dass jeder Mensch immer rational ist und auch nicht, dass es einfach Menschen gibt, die so sehr nach einem starken Halt suchen, dass sie diesen egal was kommt verteidigen.

Diese Dynamik sieht man nicht nur in der Politik, sondern bei Sekten, Burschenschaften, Verbindungen, Verschwörungstheorien, Fußballvereinen, Online-Communities, Religionen. Etwas ist so fundamental für die Konstruktion der eigenen Identität verantwortlich, dass jeder Angriff darauf, ein Angriff auf mich ist und ich ihn abwehren muss um nicht durch eine psychologische Instabilität gehen zu müssen.

Wonach suchen die Menschen in Zeiten von Unsicherheit. Stabilität.

Was bietet Stabilität? Eine klare Haltung und ein Kompass, der zwischen Freund und Feind aufteilt und eine Gemeinschaft bietet die sich einig ist und die meine Identität nicht in Frage stellt. Eine Position, die jedes Thema aufsaugen kann und durch einen Filter verarbeitet und somit verständlich und erklärbar macht.

Ist es so wichtig zuzuhören, um das zu hören was wir wissen?

Wir wissen, dass Identität mit Würde zusammenhängt. Das viele Menschen sich übergangen und zurückgelassen fühlen. Das mit ihnen nicht auf Augenhöhe gesprochen wird und das die Politik oft nicht oder viel zu spät reagiert. Das sich viele Menschen unterbewusst ihrer Würde beraubt fühlen ist unbestreitbar und mit Sicherheit ein Problem.

Doch rechtfertigt das Angst, Wut und Hass? Oder sind dies plötzlich alle Menschen die der Welt ausgeliefert sind, die naiv alles glauben was man ihnen erzählt?

Warum reagieren manche Menschen so und andere nicht?

Eine Demokratie impliziert immer Verantwortung. Jede Bürgerin und jeder Bürger hat die Möglichkeit zu wählen und damit politische Macht auszuüben. Allein dadurch unterstellen wir allen, dass sie mit der Verantwortung umgehen und das man sie ernst nehmen kann.

Das heißt im Umkehrschluss, dass ich diesen Menschen auf Augenhöhe begegne. Auf Augenhöhe heißt, dass ich nicht verständnisvoll um sie herumtanze wie eine Helikopterpapa aus dem Prenzlauer Berg, sondern dass ich voll und ganz akzeptiere, dass wenn diese Person eine Höcke-AfD wählt, mit vollem Gewissen einen Faschisten wählt.

Bernd Höcke darf man per Gerichtsbeschluss offen einen Faschisten nennen.

Menschen die diese Person wählen, haben sich bewusst dazu entschieden, billigend in Kauf zu nehmen, dass dieser Mensch anderen Menschen das Recht auf Leben abspricht, dass er Menschen in Gruppen einteilt und diese entmenschlicht und ihnen ihre Würde nimmt. Dass er Gewalt durch Sprache ausübt und dazu beiträgt, dass sich kommunikative Gewalt in wirkliche Gewalt umwandelt. Wer aus Protest oder Überzeugung einen solchen Menschen wählt, der ist aktiver Gehilfe einer menschenverachtenden Ideologie.

Da gibt es nichts zu verstehen.

Es gibt gute Gründe für die Frustration, die Angst, den Zorn und die Verzweiflung von Menschen, überall auf der Welt. Doch in einer Demokratie ist es meine Aufgabe Menschen und ihre Meinung ernst zu nehmen und nicht verständnisvoll um sie herum zu tanzen und zu suggerieren, dass sie nicht wissen was sie tun. Ob sie wissen was sie tun, oder nicht ist irrelevant. Wussten die Bauern, die von Mussolinis Schergen in die Städte gekarrt wurden, um dort Zeitungshäuser niederzubrennen und Kommunisten und Juden zu erschlagen, was sie tun? Ist es relevant?

Ich möchte nochmal vor Augen führen an welchem Punkt wir 2020 in Deutschland angekommen sind: 

Es ist eine Zeit zunehmender Gewalt von Rechts. Von den Menschen denen wir unbedingt zuhören sollen. Es ist Gewalt gegen Menschen.

Generell: Die Zahl rechter Gewalttaten steigt massiv an.

Liste der Todesopfer rechter Gewalt in Deutschland.

Die Ängste und Bedürfnisse sind klar. Es gibt tausende Studien darüber, wie und warum Faschismus entsteht, was die Logiken und Argumentationsmuster sind und wie aus Wort eine Tat wird.

Es gibt abertausende Studien darüber wie soziale Ungleichheit sich ausbreitet,

wie die Mitte der Gesellschaft zittert und Angst vor dem sozialen Abstieg hat,

wie Mieten höher und Wohnraum knapper wird,

wie in einem neokapitalistischen System aus Gemeinschaften konkurrierende Individuen werden,

wie Einseinkeit und Altersarmut steigen,

wie ganze Generationen keine Zukunft mehr sehen aufgrund von steigender Arbeitslosigkeit, schlecht bezahlter Jobs, Niedriglöhne, unsichere Arbeitsverhältnisse, zwei Jobs um Leben zu können, prekäre Selbstausbeutung, prekäre Ausbeutung durch Großkonzerne und Start Ups, Gig Economy, befristete Arbeitsverhältnisse, Angst vor der nächsten Weltwirtschaftskrise, Migration und Klimawandel, Digitalisierung und digital Gap, menschenunwürdiger Gesundheitssysteme und Pflege,

wie die Angst vor Terrorismus steigt, weil die Medien mitspielen,

wie die westliche Seele gekränkt ist durch antikolonialistische Theorie und Argumentation, sowie Aufarbeitung der Ausbeutung,

wie männliche Egos gekränkt werden durch selbstbewusste Frauen und Feminismus

und so weiter und so weiter.

Es ist alles nicht neu. Es ist alles nicht überraschend. Es ist alles nicht unerklärbar.

Wir müssen uns nicht auf die Suche nach den Ursachen machen.

Die Ursachen sind klar.

Auch klar ist, das viele unterschiedliche Menschen mit diesen Auswirkungen konfrontiert werden, aber nicht alle die Höcke-AfD wählen.

Es ist eine Entscheidung und für diese Entscheidung ist jede und jeder verantwortlich.

Wir müssen uns eins verdeutlichen man kann Angst mit Angst begegnen und man kann Angst mit Mut begegnen.

Die Lösung für Angst und Hass ist nicht ein Mikroverständnis der Identitätsstrukturen und Bedürfnisse, sondern Mut zur Haltung und Mut zur Handlung.

Mut heißt zu gestalten. Mut heißt Probleme zu lösen. Mut heißt vor allem eines: eine politische Idee zu haben, was man in Zukunft erreichen möchte.

Es ist Mut sich die Frage zu stellen: “Wie wollen wir in Zukunft GEMEINSAM Leben?”

Es ist mutig, weil man die Lebenswelt der anderen mit einbeziehen muss.

Mut ist sich der Angst entgegenzustellen und zu sagen, nein.

Mut ist den Opfern zuzuhören und nicht den Tätern.

Mut ist sich zu entscheiden.

Mut ist Raum für die Zukunft zu schaffen und nicht zu katastrophisieren.

Mutig ist es Geschichten über mögliche positive, demokratische Zukünfte zu haben.

Mut ist es sich eine Zukunft vorzustellen in der wir in einer demokratischen und humanistischen Gesellschaft leben, welche politisch handlungsfähig ist und auf kurze oder lange Krisensituationen reagieren kann.

Mut ist eine Linie zu ziehen, zwischen politischem Gegner und politischem Feind.

Mut ist verzeihen zu können und den Weg zurück in eine demokratische Gesellschaft NIE zu verneinen.

Was bietet Mut? Stabilität.

Mut ist zu handeln.

Denn wie Hannah Arendt sagt: Handeln ist Freiheit.

oder wie sie ebenfalls sagte:

„Die traurige Wahrheit ist, dass das meiste Böse von Menschen gemacht wird, die sich zwischen Böse und Gute nicht entschieden haben.“

Zum Abschluss kann ich noch das folgende Gedicht von Kurt Tucholsky empfehlen: Rosen auf den Weg gestreut.

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